Mit Hilfe von Putin und Kim Jong-un: Selenskyj-Doppelgänger ist nach NRW geflohen (2022)

Weeze -

Jedes Mal, wenn er in den Spiegel schaut, ist Umid Isabaev (41) verunsichert, wem er da gegenübersteht. Dem Autolackierer aus dem Dorf Namangan in Usbekistan, den es 2008 nach Moskau verschlug? Oder Wolodymyr Selenskyj, dem ukrainischen Präsidenten?

Umid schaut verdammt oft in den Spiegel. Wenn seine Gedanken im Flüchtlingsheim des niederrheinischen Weeze zu kreisen beginnen. Wenn die Billigflieger über ihn hinwegdonnern, das Herumlaufen zwischen den Schlichtwohnungen und dem einzigen Kiosk auch keine Ablenkung bringt und er keine Ahnung hat, was mit seinem Leben noch alles geschehen wird.

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Hunderttausend Mal hat er darüber nachgedacht, ob er den Tag verfluchen soll, an dem er sein zweites Gesicht bekam. Oder ob der 16. August 2019 sich im Nachhinein doch noch zu einem glücklichen Tag entwickeln könnte. Der Tag, an dem er die Kontrolle über sein Leben verlor.

Wie oft hat Isabaev sich das Foto angesehen? Er, in blauer Trainingsjacke, der Kopf leicht nach vorn gefallen, eingenickt in der Moskauer Metro. Auf dem Weg zur Arbeit, die Brötchentüte in beiden Händen auf dem Schoß.

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An den Jungen mit dem Handy, der ihm gegenübersaß, könne er sich noch erinnern, erzählt er. „Er hat mich die ganze Zeit angelächelt. Ich denke, er hat dieses Bild von mir gemacht.“

Der Kaffee vor ihm ist längst kalt. Umid zögert. Wieder kreisen die Gedanken. „Hast du eine Zigarette für mich?“

Wie sähe sein Leben aus, wenn er an jenem Morgen nicht eingeschlafen wäre? Wenn der Junge sich nicht getraut hätte, dieses eine Foto zu machen und es auf Facebook zu stellen? Versehen mit einem kurzen Kommentar: „Hier ist er – der Volkspräsident in der Metro. Ohne Sicherheitsleute, ohne Limousine.“

Von alledem habe er gar nichts mitbekommen, sagt Umid. „Bis meine Schwester angerufen hat. Sie hat mir erzählt, dass sie mich auf YouTube gesehen hat und dass ich irgendeinem Präsidenten sehr ähnlich sehe.“

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Da sei er hellhörig geworden und habe sich das Foto zum ersten Mal angeschaut. Mit Tausenden von Likes und Reaktionen darunter. „Ich habe dann auch einen Kommentar geschrieben. Wer hat das gemacht? Das bin doch ich!“

Diese kurzen Sätze entfalten eine Wucht, die Umid mit einem Schlag aus seinem Autolackierer-Leben in Moskau in die Fernsehstudios katapultieren wird.

Die ersten unsicheren Auftritte vor laufenden Kameras würde er uns auf seinem Smartphone gerne zeigen, wenn das WLAN vor der Flüchtlingsunterkunft nicht so wacklig wäre. Rein dürfen wir nicht. Der Sicherheitsdienst hat strikte Anweisungen.

Umid will nicht, dass man ihn für einen Hochstapler hält. Er kann belegen, dass sich dieser Wahnsinn wirklich zugetragen hat.

Den Präsidenten der Ukraine verunglimpft man nicht

Die Videos zeigen einen Umid Isabaev, der damals noch sehr schlecht Russisch spricht und im Jahr 2019 in einer Talkshow in Moskau der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Noch schlimmer am Neujahrstag 2020, als ihn vier Männer in traditionellen ukrainischen Kostümen im russischen Fernsehen vollends für dumm verkaufen.

So als sei er der allerletzte Tölpel. Ein Tollpatsch-Selenskyj, der sich veralbern und verunglimpfen lässt.

In diesem Moment hätten sich erste Zweifel unter den Stolz über sein neues Leben gemischt. Schließlich sei Selenskyj da schon Präsident der Ukraine gewesen. Und einen Präsidenten ziehe man nicht durch den Dreck.

Doch dann habe eine bedeutende russische Produktionsfirma angerufen, um ihn für eine vermeintlich seriöse Show zu verpflichten, eine russische Version der ukrainischen Serie „Diener des Volkes“, die den echten Selenskyj als Komiker zu einer Berühmtheit machte. Im November 2019 habe er den Vertrag unterschrieben, erzählt Umid. „Man hat mir bis zu 3000 Dollar im Monat versprochen.“

Die Fernsehleute investieren viel Zeit und Geld. Sie trimmen ihn auf den echten Selenskyj. Umid imitiert dessen Stimme, Gestik und Mimik, bis er sich selbst vom Original nicht mehr unterscheiden kann.

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Erst das Drehbuch habe ihm die Augen geöffnet, sagt er. „Sie wollten, dass ich mich über den Präsidenten lustig mache, ihn als einen bösen Menschen darstelle.“ Da habe er den Vertrag gekündigt und sei zurück in sein Dorf nach Usbekistan gezogen – zu seiner Frau und den beiden kleinen Kindern.

Wer verzichtet auf sein zweites Gesicht, wenn es Türen öffnet?

Das könnte das Ende der Geschichte sein. Es wäre ein glückliches Ende für Umid Isabaev gewesen. Doch wer verzichtet freiwillig auf sein zweites Gesicht, wenn es im Leben Türen öffnen kann, die fest verschlossen schienen?

Noch eine Zigarette. Als könnten sich die Zweifel, die er seit jenem Morgen in der Metro nie mehr losgeworden ist, in Rauch auflösen. Ein ukrainischer Agent habe sich gemeldet und ihn gefragt, ob er nicht nach Kiew kommen wolle. „Er hat mir das Dreifache geboten, damit ich bloß keinen Vertrag mehr in Russland unterschreibe. Und mir eine Garage zur Verfügung gestellt, in der ich Autos lackieren kann. Damit mir nicht langweilig wird, falls es mal keinen Auftrag gibt.“

Wenn es Jobs für einen Selenskyj-Doppelgänger gebe, dann doch wohl in Kiew, sagt der Agent. Damit und den Aussichten auf viel Geld habe er sich ködern lassen. Und so verabschiedet sich Isabaev erneut von seiner Familie, verlässt sein Dorf und fliegt in die Ukraine.

„Manchmal ist es gut, dass ich wie Selenskyj aussehe. Manchmal hilft es mir nicht.“ Am Handgelenk trägt Umid ein grünes Plastikarmband mit der Aufschrift „Diener des Volkes“.

Das habe er vom echten Selenskyj bekommen, erzählt er. In Kiew, bei einer privaten Feier. „Wenn du mal in Schwierigkeiten kommst, kann dir das helfen“, habe der Präsident gesagt. Und ihm ein paar wertvolle Tipps mitgegeben. Mehr dürfe er über das Treffen nicht erzählen. Darauf habe er Selenskyj sein Wort gegeben.

Der falsche Selenskyj wollte nicht aus Kiew fliehen

Das Präsidenten-Bändchen hat kein Glück gebracht. Als die Russen am 24. Februar die Ukraine überfallen, wird Umid schnell klar, wie gefährlich die Lage für einen werden kann, der dem ukrainischen Präsidenten wie aus dem Gesicht geschnitten ist. „Ich hatte keine Angst vor dem Krieg. Ich wollte nicht fliehen“, sagt er. „Ich wollte nicht, dass mich alle verurteilen. Dass sie sagen, du hast hier dein Geld verdient und bist dann wie eine Ratte geflohen.“

Als die ersten Bomben auf Kiew fallen, kommt Kim Jong-un ins Spiel. Nicht der Diktator aus Nordkorea natürlich, aber immerhin sein Doppelgänger.

Der lebt in Australien, nennt sich Howard X, stammt ursprünglich aus Hongkong und hat sich im Laufe der Jahre in der weltweiten Doppelgänger-Szene einen Namen gemacht. Weil er der Einzige ist, der den „Obersten Führer der Demokratischen Volksrepublik Korea“ sofort ersetzen könnte. Wenn da nicht die Sprachbarriere wäre. Ansonsten ist Howard X das perfekte Double.

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Spätestens seit seinem Auftritt bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Südkorea, als er mit einer kleinen Flagge in der Hand winkend an den nordkoreanischen Cheerleaderinnen vorbeischreitet, ist Howard X weltweit dick drin im Doppelgänger-Geschäft. Sein YouTube-Video, in dem er sich in eine Atombombe verknallt und sich im Schlafzimmer mit ihr vergnügt, bis ihn die eigenen Sicherheitskräfte entwaffnen, wurde weltweit 158 Millionen Mal geklickt.

Den falschen Selenskyj habe er nur aus dem Fernsehen gekannt, sagt Howard X im Teams-Meeting, nachdem er zunächst misstrauisch nachgefragt hat, was die Reporter von dem Mann wollen, den er längst unter seine Fittiche genommen hat. „Ich bin sein Pressesprecher“, sagt er und macht damit deutlich, dass er nicht umsonst in dessen Flucht investiert hat.

In einer russischen Dokumentation über Doppelgänger, an der er an der Seite von Donald Trump teilgenommen habe, sei Umid auch aufgetaucht, sagt Howard X. So sei er auf ihn aufmerksam geworden. Getroffen haben sich die beiden noch nie.

Am 1. März, sechs Tage nach Beginn des Krieges, habe er Umid Isabaev über Facebook kontaktiert und ihm klargemacht, dass er aus Kiew raus müsse, wenn er seinen Arsch noch retten wolle. „Was meinst du, was die Russen mit dir machen, wenn sie dich kriegen?“

Anfangs sei er sehr skeptisch gewesen, erinnert sich Umid. „Aber Howard hat mich jeden Tag angerufen und mir versichert, dass ich ihm vertrauen kann. Dass ihm mein Weg bekannt vorkommt und seiner ähnlich steinig gewesen ist“, sagt er. „Ich hatte Angst, dass die Russen mich erschießen, wenn sie mich finden, und dann der Welt erzählen, Selenskyj ist tot.“

Putins Doppelgänger-Geschäft bricht im Februar zusammen

Der Fluchtgedanke reift, als ihn sein russischer Filmproduzent plötzlich mit Mails und WhatsApp-Nachrichten bombardiert. „Er hat mich immer wieder gefragt, wo ich wohne. Dass russische Soldaten mich abholen und in Sicherheit bringen können. Ich müsse ihm nur meine Adresse schicken. Ich glaube, sie hätten mich nach Moskau gebracht und gezwungen, für sie Propaganda zu machen, auf die Knie zu fallen und mich bei Putin zu entschuldigen.“

Howard X finanziert Selenskyjs Flucht aus Kiew. Er ist in der Doppelgänger-Szene weltweit vernetzt, habe schon mal einen falschen Bruce Lee aus Afghanistan gerettet – und kennt einen Unternehmer aus Breslau, der mit Trucks und Geländewagen handelt.

Slawomir Sobala hatte einen lukrativen Nebenjob. Als Doppelgänger von Wladimir Putin. Er spricht zwar keinen Brocken Russisch, sieht dem russischen Präsidenten aber dermaßen ähnlich, dass das seinen Auftraggebern völlig egal war. Bis zum 24. Februar. Da ist sein zweites Geschäftsfeld zusammengebrochen. Den Menschenschlächter Putin als Partyschreck wollen selbst die Amerikaner nicht mehr buchen.

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Seinem australischen Kumpel Kim Jong-un kann Sobala nichts abschlagen. Und so kommt es im Frühjahr dazu, dass der polnische Putin aus Breslau dem usbekischen Selenskyj zur Flucht aus der Ukraine bis nach Deutschland verhilft – und damit vielleicht sein Leben rettet.

„Er kannte ein paar Beamte, die an der Grenze mit den Polen zusammenarbeiten. Sie haben mich mit dem Auto abgeholt und nach Schytomyr gebracht. Nach vier Tagen ging es weiter nach Breslau“, erzählt Isabaev. Bei der Passkontrolle hätten die polnischen Grenzer ihn genau angeschaut, seine Unterlagen penibel geprüft. „Sie haben wohl einen Moment geglaubt, dass der Präsident abhauen will. Mit einem usbekischen Pass.“

Auf Putin, seinen Retter, trifft Umid erst in Breslau. Sie reichen sich die Hand, anschließend zeigt der russische Präsident dem ukrainischen die Stadt und bringt ihn in sein Hotel, gebucht und bezahlt von Kim Jong-un.

Das hätte auch ein gutes Ende sein können, hätte ein polnischer Schauspieler nicht von dem Treffen Wind bekommen und Putin und Selenskyj zu einer Live-Schachpartie im Internet aufgefordert. Eine Partie, die Putin natürlich verlieren müsse. „Im Studio angekommen, ging es um einen Boxkampf, bei dem wir gegeneinander antreten sollten“, sagt Isabaev. „Ich sollte Putin in der dritten Runde K.o. schlagen. Das haben wir nicht mitgemacht.“

Eine Rückkehr nach Usbekistan hält Isabaev für ausgeschlossen

Bittet man Isabaev um ein Foto, setzt er im Bruchteil einer Sekunde sein zweites Gesicht auf. Das Lächeln friert ein und mit ihm alles, was sein Erstes gerade noch preisgegeben hat: Unsicherheit, Zerrissenheit und Zweifel. Als müsse er es dem Präsidenten der Ukraine gleichtun und dürfe keine Schwäche zeigen.

Nach Usbekistan könne er nicht mehr zurück, sagt Umid. Er befürchte, gleich nach der Landung von den Russen entführt zu werden. „Das usbekische Volk steht zwar an der Seite der Ukraine, aber alle haben große Angst vor Russland.“

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Seine Familie hat er seit zweieinhalb Jahren nicht mehr gesehen. Seine Tochter war damals sechs Monate, sein Sohn drei Jahre alt. „Manchmal sagt mir meine Familie, dass sie nicht mehr mit mir zusammen sein will. Meine Frau glaubt, dass sie neben mir alle in großer Gefahr sind. Deshalb will sie auch nicht nach Deutschland nachkommen.“

Das Handy klingelt. Schon wieder Kim Jong-un. In Kürze, sagt er, werde er nach Deutschland fliegen. Eine französische Zeitschrift wolle sie alle zusammenbringen. Den Putin aus Breslau, den Selenskyj aus Usbekistan und ihn, den australischen Kim Jong-un. Zum ersten Mal. Für eine exklusive Story. Das sei ein echter Knaller und werde der Karriere des usbekischen Selenskyj den nötigen Schub verleihen. Und der eigenen natürlich auch.

In der Flüchtlingsunterkunft, in der Umid seit sechs Monaten auf seine Anhörung wartet, kennt kaum jemand seinen richtigen Namen. Der Selenskyj, so nennen sie ihn hier. Es ist seine dritte Station nach der Erstaufnahme in Bochum und einem Lager in Mönchengladbach. „Die meisten ukrainischen Flüchtlinge haben längst ein Zimmer oder eine Wohnung bekommen“, sagt er. Nur er warte immer noch. „Alle, die nach mir gekommen sind, haben schon ihre Unterlagen bekommen. Ich frage mich: Warum ist das so?“

Nur jeder fünfte Flüchtling aus Usbekistan wurde im vergangenen Jahr in Deutschland anerkannt.

Und so hofft der usbekische Selenskyj im Flüchtlingslager von Weeze darauf, dass sein zweites Gesicht ihm Glück bringen möge. Umid Isabaev hingegen, der Autolackierer aus Usbekistan, hat ganz andere Sorgen. Ihm droht die Abschiebung. Um seine Chancen auf Anerkennung als Flüchtling in Deutschland zu verbessern, bräuchte er vor allem eines: einen guten Anwalt.

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Author: Laurine Ryan

Last Updated: 01/01/2023

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